Das Foto zeigt insgesamt fünf Regenschirme in verschiedenen Farben, die aufgespannt und an nahezu unsichtbaren Schnüren befestigt in der Luft schweben. Im Hintergrund sind die prächtig verzierten Fassaden zweier Häuser abgebildet. Das Foto entstand 2018 während einer Kunstaktion in Genua. © MFFJIV

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Gewalt heißt, Menschen körperlich oder psychisch unter Druck zu setzen. Solche Eingriffe in die Unversehrtheit sind oft als Ohnmachtserlebnis besonders belastend. Auch deshalb gibt es für Gewaltdelikte eine besonders hohe allgemeine und mediale Aufmerksamkeit.

Es bestehen viele Präventionsangebote zur Verhinderung von Gewalt. Eine besondere Zielgruppe sind dabei junge Menschen. Da gewaltfördernde Bewegungen ihre Themen und Erscheinungsformen immer wieder ändern, müssen sich auch die Methoden und Inhalte von Projekten gegen Gewalt anpassen. In Rheinland-Pfalz wird dies durch die Koordinationsstelle im Familienministerium unterstützt.

Den Blick der Gewaltvermeidung allein auf das Heranwachsen von jungen Menschen zu richten, wäre nicht ausreichend. Bedrohungen und Ängste entstehen auch durch politische und gesellschaftliche Situationen und nicht zuletzt auch durch einseitige Blickwinkel. Terroranschläge und Amokläufe im Jahr 2016 in Deutschland und in europäischen Nachbarländern haben als Extreme den Blick nochmals deutlich auf das Thema Gewalt gelenkt. Durch eine stark überproportionale Berichterstattung und Analyse dieser extremen Gewalttaten steigt bei vielen Menschen das Bedrohungsgefühl.

Immer mehr Gewalt?

Eine wichtige Funktion von Staaten ist es, Ihre Bürgerinnen und Bürger vor Gewalt zu schützen. Um dies durchsetzen zu können, hat der Staat das Monopol der Gewaltanwendung, das er durch besondere Organe, wie z.B. die Polizei ausüben kann. Um diese Gewalt legitim auszuüben, müssen sich diese Organe im demokratischen Rechtsstaat an genau formulierte Gesetze und Regelungen halten. Moderne Rechtsstaaten haben das Ziel, die Gewaltausübung in der Gesellschaft einzudämmen.

Die öffentliche Diskussion und der fachlich-wissenschaftliche Diskurs um Gewalt und Gewaltprävention verlaufen teilweise unterschiedlich.
Im öffentlichen Diskurs wird oft angenommen, dass sich die Zahl der Gewalttaten pro Jahr laufend erhöht. Terroranschläge und andere Gewalt durch Fremde sind bedrohende Szenarien, die im Diskurs ständig präsent sind. Tatsächlich gab es laut einer Auswertung der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden innerhalb der letzten 25 Jahre zunächst bis 2007 einen Anstieg von Gewaltfällen, seitdem jedoch einen Rückgang. „Die Angst ist groß, Opfer einer Gewalttat durch einen Fremden zu werden, das Risiko aber vergleichsweise gering", sagt der Direktor der Zentralstelle, Dr. Rettenberger. „Die Daten zeigen, dass es viel wahrscheinlicher ist, Opfer eines Familienmitgliedes oder Bekannten zu werden.“ 2017 gab es in Deutschland keine Toten durch Terrorismus, aber über 2.400 Mordopfer. In etwa zwei von drei aufgeklärten Fällen kannten sich Opfer und Täter schon vorher – siehe Polizeiliche Kriminalstatistik.
Eine weit verbreitete Form der Gewalt ist die Gewalt gegen Frauen in engen sozialen Beziehungen.

Unklar bleibt, wie sich eventuell Gewalt in andere gesellschaftliche Bereiche verlagert, wo sie zunächst nicht als solche wahrgenommen wird. Qualitative Studien stellen beispielsweise Verrohungen der öffentlichen Kommunikation fest, die auch vielfach Gewaltphantasien und –bedrohungen enthalten. Verbale Drohungen sind an sich bereits psychische Gewalt und schränken die Opfer in ihrer Freiheit ein.  

Die Landesregierung beschäftigt sich aus guten Gründen mit dem Ziel der Gewaltminderung und den dazu notwendigen gesellschaftlichen Entwicklungen. Dabei agiert sie sensibel gegenüber Einschränkungen von Freiheiten.

Was tut das Land? - Projekte und Forschung

Die Polizei bekämpft Gewalttaten in ihren Einsätzen und gibt Ratschläge zur Vorbeugung. Dabei muss sie sich immer wieder neu mit den Gewaltformen der Zeit auseinander setzen.

Im pädagogischen Bereich werden seit langem Programme zur Bekämpfung von Gewalt konzipiert und ausgeführt. Diese haben das Ziel, die Menschen davon zu überzeugen, dass gewaltfreie Methoden der Auseinandersetzung zielführender sind.
In Rheinland-Pfalz sind dazu bereits bewährte Netzwerke entstanden. So zum Beispiel zur „Gewalt in engen sozialen Beziehungen“, bei der meist Frauen und Kinder die Opfer sind. Diese Form der Gewalt ist seit 2000 in Rheinland-Pfalz das Thema des Präventionsprojektes RIGG.  Dieses Projekt ist sehr gut in der Landespolitik verankert und als eigenes Themengebiet öffentlich gut bekannt.

Bei den gewaltpräventiven Programmen geht es vorrangig nicht um Gewalt, sondern um universelle Prävention. Diese Form der Prävention zielt auf die Persönlichkeitsentwicklung, insbesondere von Kindern und Jugendlichen. Flankiert wird dies von Maßnahmen der Polizei, die in die Netzwerke von Schulen und der Jugendarbeit eingebunden ist.

Neben allgemeiner Gewaltprävention hat sich für den Bereich des Rechtsextremismus seit über 20 Jahren eine spezifische Struktur herausgebildet, die phänomenbezogen auch Möglichkeiten der Deradikalisierung, der Abkehr von Gewaltverhalten und von gewaltbejahenden Überzeugungen herausgebildet hat.

Rheinland-Pfalz - Koordination der Prävention gegen Gewalt

Thematisch stehen im Projekt "Koordination der Prävention gegen Gewalt" der Landesregierung Rheinland-Pfalz einige hochexpressive Erscheinungsformen der Gewalt wie Rechtsextremismus, Islamismus, Cyber-Mobbing, Linksextremismus und Amoklauf im Mittelpunkt. Bezüglich der Zielgruppen liegt der Schwerpunkt eindeutig im pädagogischen Bereich. Auch wenn hochexpressive Gewaltformen nur einen Teil ausmachen, so nehmen viele Präventionsprogramme diese Themen auf. Mehr dazu lesen Sie im Abschnitt Radikal, Extrem, Gewaltbereit.

Einige spezifische Bereiche wie Gewalt in Heimen und Gewalt in der Pflege sind in diesem Projekt nicht oder nur ansatzweise ein Thema, um die Übersichtlichkeit nicht zu gefährden.

Gewaltforschung

Gewaltforschung beschäftigt sich mit einem breiten Feld, das von individuellen Selbstverletzungen bis zu militärischen Auseinandersetzungen reicht, an welchen sogar Millionen Menschen beteiligt sein können. Eindeutige Zuordnungen, wie körperliche Verletzungen schaffen scheinbar noch einen vergleichbaren „konventionellen“ Rahmen. Doch zeigt sich beispielsweise im Umgang mit Folter oder der Bestrafung von Vergewaltigung in der Ehe, dass diese Definitionen und die Frage nach Legitimität von Gewaltausübung  auch zeit- und kontextabhängig sind. Wenn es um die Androhung von Gewalt oder psychischen Druck geht, wird die Definition noch deutlich schwieriger.

Ein normativer Streit ist der um die Ursachen von Gewalt. Menschen wohnt zumindest die Möglichkeit der Gewaltausübung inne und oft spielen emotionale Ausbrüche dabei eine Rolle. Ein wesentlicher Zusammenhang scheint aufgrund vieler Studien klar: Der Grad der sozialen Ungleichheit oder rassistischer Ausgrenzung beeinflussen das Ausmaß der Gewaltausübung in einer Gesellschaft mehr, als das allgemeine Wohlstandsniveau.

Radikal, extrem, gewaltbereit? Sind junge Menschen besonders betroffen?

Gewaltprävention, auch durch politische Konfliktlösung und verbesserte Polizeiarbeit hat dazu geführt, dass die Zahl der durch massive Gewalttaten getöteten Menschen in den letzten Jahrzehnten in Deutschland und Mitteleuropa deutlich zurückgegangen ist. Diesen Rückgang nehmen viele Menschen aber subjektiv nicht wahr, denn im Unterschied zu früheren Terrorakten und Amokläufen sind heutzutage in Deutschland nicht vornehmlich bestimmte Gruppen oder Personen gefährdet, sondern der Terror scheint alle Menschen in ihren Alltagssituationen zu bedrohen. Terroristen wollen durch Terroranschläge gezielt Ängste schüren, um Gegenreaktionen hervorzurufen. Diese Gegenreaktionen sollen ultimativ zu einer Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen führen, um Mitglieder daraus dann wiederum leichter für gewalttätige Ziele gewinnen zu können.

Wenn es um Bestrebungen aus politischen oder religiösen Gründen geht, kommen oft die Begriffe 'radikal' oder 'extremistisch' vor. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden sie oft synonym verwendet, auch die Sozialwissenschaft hat hier keine allgemein verbindlichen klaren Definitionen. 

Der Verfassungsschutz definiert Radikalismus als Denk- und Handlungsweisen, die in einigen gesellschaftlichen und politischen Bereichen grundlegende Änderungen herbeiführen möchten, aber dabei weder den demokratischen Rechtsstaat noch die Verfassung abschaffen wollen. Die Mehrheit der Menschen mit radikalen Einstellungen übt keine Gewalt aus. Radikalisierung ist der Prozess, der dazu führt, eine stark ideologische Sichtweise einzunehmen. Historisch ist hinzuzufügen, dass die Bewegungen wie die der Demokraten und Demokratinnen beim Hambacher Schloss, oder die Suffragetten, die Anfang des 20. Jahrhunderts in vielen Ländern das Frauenwahlrecht durchsetzen konnten, zu ihrer Zeit auch "radikal" waren. So muss eine radikale Einstellung nicht zwangsläufig menschenrechtlichen und demokratischen Entwicklungen widersprechen. 

Extremismus beschreibt der Verfassungsschutz als Bestrebungen, die Grundwerte der bestehenden Ordnung abschaffen zu wollen, gegebenenfalls auch mit Gewalt.

Junge Menschen als Zielgruppen

Junge Menschen in der Adoleszenzphase sind häufig auf Identitäts- und Sinnsuche und entsprechend unsicher und auf der Suche nach Vorbildern und Idealen. Ihnen werden durch radikale Gruppierungen oft scheinbar „einfache“ Lösungen angeboten. Egal ob rassistische, rechte oder religiöse Radikalität, die Muster scheinen gleich zu sein. Daher sind auch die Anwerbemethoden dieser Gruppierungen ähnlich. Radikale Gruppierungen vermitteln ein Gefühl von Zugehörigkeit. Das Weltbild ist einfach, es gibt entweder gut oder böse, die Regeln sind eindeutig, alles ist klar strukturiert, bis hin zu Kleidungs- und Verhaltensvorschriften. Durch den Eintritt in eine solche Gruppe wird das "Wir-Gefühl" und damit auch das Selbstwertempfinden gestärkt. Gleichzeitig beginnt meist ein Prozess der Lösung von sonstigen Bindungen, wie Familie oder Freunde. Einige typische Jugendbedürfnisse wie Rebellion und Protest, Abenteuerlust und Zugehörigkeit zu einer Clique werden gestillt. Bei allen Radikalisierten, ob jung oder alt, spielt das Gerechtigkeitsempfinden eine große Rolle. Selten geht es um tiefere religiöse oder politische Gründe. In den letzten Jahren waren vornehmlich junge Menschen Zielpunkt extremistischer Propaganda. Insbesondere rechtsextreme und islamistische Bewegungen versuchen sich durch jugendaffine Werbung attraktiv für diese Zielgruppe zu machen. Solche Bewegungen verbreiten ihre Propaganda auch aus diesem Grund stark über soziale Medien.

Präventionsprojekte in Rheinland-Pfalz wie beispielsweise "Netzwerk für Demokratie und Courage", "(R)Auswege", "DivAN", "Cypris" oder "Salam" gehen in ihrer Arbeit auf diese Vorbedingungen ein.

Gewalt verhindern - aber wie?

Gegen neue und andauernde Entwicklungen in radikalen Bewegungen und gewalttätige Bedrohungen sind von Bund und Ländern neue Maßnahmen ins Leben gerufen worden. Einerseits wurden Sicherungsmaßnahmen der Polizei wie die Überwachung öffentlicher Räume, Streifengänge oder Gefährderansprachen ausgebaut, andererseits wurden pädagogische Programme entwickelt, die Menschen helfen, eine starke Persönlichkeit zu entwickeln, die Gewalt ablehnt.

Prävention

Bei den meisten Präventionsprogrammen geht es vorrangig nicht um die akute Verhinderung von Gewaltausübung bei Individuen oder bestimmten Zielgruppen, sondern um die generelle Prävention, die sich an die breite Gesellschaft richtet. Sie zielt auf die Persönlichkeits­entwicklung, insbesondere von Kindern und Jugendlichen. Sie orientiert sich an den von der Weltgesundheitsorganisation benannten Faktoren der psychischen Gesundheit. Diese sind unter anderem kritisches Denken, positives Selbstwertgefühl, Entscheidungsfähigkeit, Fähigkeit zur Selbst- und Fremdwahrnehmung und der Umgang mit Gruppendruck.

Der wesentliche Teil dieser universellen Prävention beginnt in der Kindheit und der Jugend. Sie muss in den entsprechenden Institutionen, in der Familie, im Kindergarten und in der Schule, in der Jugendarbeit und der Jugend- und Schulsozialarbeit verankert sein. Das Ministerium für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz erhöht beispielsweise in dieser Legislatur die Förderung demokratischer Jugendarbeit um 3 Millionen Euro um die allgemeinen Voraussetzungen für eine gute Jugendphase zu verbessern.

Universelle Prävention, die vor möglicher Radikalisierung ansetzt, stärkt die Demokratie und hilft jungen Menschen, sich besser im Leben zurecht zu finden. Sie hilft auch dabei, Radikalisierungsprozesse bei anderen früh zu erkennen und gegebenenfalls ohne falschen Alarmismus einzugreifen. Dazu tragen die auf diesen Seiten dargestellten Projekte bei.

Wenn junge Menschen bereits in einem Radikalisierungsprozess sind, so ist es sehr wichtig, den Kontakt mit Ihnen zu suchen und aufrecht zu erhalten, um eine Isolierung zu vermeiden. Für das Umfeld ist es wichtig zu zeigen, dass die Person akzeptiert wird, nicht jedoch extreme und teilweise menschenverachtende Einstellungen. Hier hat die spezifische (indizierte) Prävention und die Intervention ihr Arbeitsfeld. In der Radikalisierungsprävention setzen sich Akteure ständig mit neuen Entwicklungen der Szene und erfolgversprechenden methodischen Ansätzen auseinander. Die Präventions- und Interventionsprojekte tauschen sich mit der Wissenschaft aus, um möglichst wirkungsvoll zu arbeiten.

Was tun?

Individuelle, gruppenbezogene sowie gesamtgesellschaftliche und mediale Einstellungen und Verhaltensweisen haben gegenseitigen Einfluss auf das Ausmaß an Gewalt in einer Gesellschaft. Wenn der Ton von Auseinandersetzungen verroht, die Positionen fundamentalistischer werden, so steigt die Gefahr des Abgleitens in Gewalt.

Die Etablierung einer Kultur der Gewaltfreiheit erfordert auch politische Maßnahmen, um das Ausmaß an (gefühlter) Ungerechtigkeit zu minimieren. Gleichzeitig muss vermieden werden, bestimmte Gruppen unter einen Generalverdacht für gesellschaftliche Missstände zu stellen, weil dies ansonsten Ausgrenzung und Isolierung fördert.

Expertinnen und Experten schlagen zur Vermeidung von Nachahmungstaten vor, in den Medien die Namen der Täter nicht zu nennen und auch mögliche Manifeste der Täter, mit denen die Gewalttat begründet und erklärt wird, nicht zu veröffentlichen. Auch sollten Taten und deren Folgen nicht live verfolgbar sein, indem sie noch während des Tathergangs ins Netz gestellt werden. Statt die Täter in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu stellen und sie damit „unsterblich“ zu machen, sollte stärker über das Leid, das diese Gewalttaten bei vielen Menschen ausgelöst hat, berichtet werden. Die französische Tageszeitung Le Monde beispielsweise hat entschieden, zukünftig keine Bilder von Attentätern mehr zu veröffentlichen.